(DE) Das Gespräch mit Biserka Rajcic, in TrcTrg erschienen.
Das Gespräch mit Biserka Rajcic, der Übersetzerin der serbischen Sprache.
Das Gespräch ist in TrcTrg erschienen.
Wer bist du als Poet?
Chronologisch gesehen gehörst du zu der Generation des Brouillons. Handelt es sich hier um eine Gruppe oder um eine Zeitschrift, die die Poeten deiner Generation auf verschiedenen Gebieten Polens verbunden haben sollte?
Die Generation assoziiere ich mit irgendwelchen Daten, mit einer bestimmten Zeit, ich glaube, dass eine solche Betrachtung der Poesie nicht richtig wäre, denn die Poesie entsteht auβer der Zeit. Ihre Zeit bildet einen Dialog mit der Vergangenheit, einen Dialog mit den groβen Poeten der vergangenen Epochen, die immerhin zu uns sprechen und uns immer belehren. Die Poesie bedeutet auch die Zukunft, denn sie entsteht für die, diejenigen uns in irgendwelchen Jahren lesen werden. Meine Generation interessiert mich überhaupt nicht. Ich lebe wie in meiner anderen Welt. Wie ein verlorener Dandy, der irgendwo am Ende der Welt in seiner Einöde wohnt. In einer Welt, wo man nicht fernsieht und wo man keine Zeitungen liest. In einer Welt, wo es einen Platz für die Schönheit und für die Entzückung gäbe. Jemand hat einen Film von mir gedreht, in dem ich als jemand dargestellt wurde, der ein alternatives Leben führt. Darin gibt es viel Wahrheit. Egal wo ich war, habe ich um mich herum etwas in der Art der Einöde geschaffen. Meine Poesie ist sehr verschieden von der Poesie meiner Altersgenossen. Immer weniger interessieren mich die herrschenden Moden und Trends. Balthus war der Meinung, dass die wahre Kunst, das überzeitliche Werk über den Moden entständen. Die Moden gehen vorüber und die Texte, die mit der Mode übereinstimmen, vergehen. Und ich träume, dass das was ich schreibe, auch in zweihundert Jahren immer noch aktuell wäre. Es erscheint hier ein Problem irgendwelcher Überzeitlichkeit. Welche Sprache sollte man verwenden um sie erreichen zu können? Ich weiβ es nicht. Würde es sich vielleicht mehr um die Themen handeln, die man antastet. Die Poeten meiner Generation benutzen eine niedrige Ausdrucksweise. Sie registrieren die Welt, aber sie bereichern sie nicht. Es gibt in diesen Texten eine gewisse Wahrheit der Zeiten. Als ob sie entblöβen wollten, anstatt irgendwelche ästhetischen Lösungen zeigen zu können. Sie haben sich gegen das Pronomen „wir“ widersetzt, wodurch sich das lyrische Subjekt selbständig gemacht hat und am wichtigsten geworden ist. Aber auf dieses „ich“ muss man aufpassen, da es einem Mangel an der Universalität ausgesetzt werden könnte.
Worauf hat der Unterschied zwischen deiner Generation und der vorherigen beruht, sagen wir, der Neuen Welle?
Vor allem auf dem Plan der Poetiken.
Es bestand immer in den jungen Leuten so was wie „Sturm und Drang“, ungeachtet der Epoche, der Geschichte oder der politischen Orientierung. Das ist ja normal, wenn sich die jungen Leute sträuben und sich in eine Stimme einer Generation zusammenstellen. Die Neue Welle ist in einer bestimmten politischen Situation entstanden. Ihr Protest war ein Widerstand gegen das politische System. Und ich glaube es war ein wichtiger Protest. Der Protest, derjenige der Freiheit bedurfte. Die Generation des Brouillons war dagegen der Protest gegen die Tradition, gegen die Schönheit, die im klassischen Ausmaβ erfasst wurden. Der Protest der Neuen Welle nobilitierte die Poesie, machte aus ihr das Kampfgegenstand im Gegensatz zu dem Brouillon, derer Protest sie zur Rolle der Dienstbarkeit der Beschreibungen der kleinen Wirklichkeit und der Hässlichkeit degradiert hat. Mir steht der Protest der Neuen Welle näher. Ich muss gestehen, dass mich am Anfang meines schöpferischen Weges der Protest nicht gemieden hat. Ich habe mich sehr lange gesträubt und das war der Protest gegen fast alles (das Lachen). Diese Auflehnung war durch keine Programme aufgezäumt. Ich wollte einfach über das Böse erzählen, das mich umgab. Aber erzählen nicht auf schöne Weise, sondern vulgär und direkt. In dieser Zeit sind vulgäre und expressive Texte entstanden. Nach dieser Brandmarkung des Bösen ist die Etappe eingetreten, wo ich für die Schönheit sein wollte. Für die Schönheit, die in unseren Zeiten bagatellisiert wird, entstellt wird und altmodisch ist! Ist das Plädieren in der gegenwärtigen Kunst für die Hässlichkeit kein Verrat gegenüber dem Schönen, gegenüber diesen Werten, die im Leben des Menschen am wichtigsten sind. Der Verrat der Werte, die den Menschen zum Menschen machen. Das, was uns erlaubt, mit uns selbst und mit der ganzen Welt zu existieren. Deswegen auch ist bei mir „Die Stunde der Begeisterung“ erschienen, deswegen auch habe ich „Geschrieben auf dem Sand“ geschrieben, das eine Huldigung für die Schönheit des Menschen und die Natur sein sollte.
Kann man deine Generation als die Generation des Neuen Privatseins bezeichnen und was bedeutet das?
Die künstlerischen Gruppen aller Art oder aber die Generationen haben in mir Zweifel hervorgerufen.
Ich vertrete nämlich die Meinung, dass ein Künstler ein einsamer Mensch sein sollte und in der Einsamkeit seine poetischen Gedanken verwirklichen sollte. Deswegen besteht meine Generation aus einer Person und heiβt Sonnenberg, derer das literarische Hauptvorhaben die Benennung des Unbenannten, das Vorzeigen des Unfassbaren, die Bemerkung des Unbemerkten, ist. Die Poesie wäre etwas wie die Annäherung an ein Geheimnis, ein Versuch der Einschreibung eines unbeschriebenen Buches der Welt. Ich möchte nicht beschreiben, sondern einen Gedanken in ein Wort verwandeln. Es scheint mir, dass eine solche Umsetzung eines Gedanken in ein Wort bemerkbar in der Kunst ist, hier könnte man die Gemälde von Leonardo da Vinci anführen. Eines Künstlers, der mir sehr nahe steht. Ich möchte die Dinge von Anfang an benennen. Den Gefühlen möchte ich ein neues Ausmaβ verleihen und den nicht mehr aktuellen Werten ihren Wert wieder geben. Ich schäme mich nicht über die Schönheit zu schreiben, als ein Beispiel dient hier „Die Stunde der Begeisterung“. Pseudo Longinos sollte gesagt haben, dass man in der Poesie danach suche, was übermenschlich wäre. Möglicherweise suche ich nach einer blauen Blume, nach der auch Novalis gesucht hat. Der Poet, dessen Kunstauffassung mir sehr nahe steht. Diese blaue Blume bedeutet die Sehnsucht nach etwas Unerreichbarem, auch die Poesie ist die Sehnsucht nach etwas Unerreichbarem. Manchmal ist sie eine Art der Abwehr gegen die Sterblichkeit.
Was hat für euch das Jahr 1989 dargestellt? Habt ihr es als ein bahnbrechendes Jahr empfunden?
Für mich war das Jahr 1990 bahnbrechend, als ich einen Autounfall hatte und auf einen Schlag hat sich meine Leidenschaft für Musik in eine Leidenschaft des Schreibens umgewandelt. Zurückkommend auf das Jahr 1989, also dieser Wendepunkt beruhte auf einer groβen Herausgabefreiheit. Und so am Anfang der 90–er Jahre ist ein groβer Boom in Bezug auf die literarischen Schriften zum Vorschein gekommen. In Polen ist eine unglaubliche Menge der literarischen Schriften erschienen! Und was interessant ist, ist die Dezentralisation der Kultur aufgetreten. Auf ein Mal haben die kleinen Zentren angefangen, künstlerisch tatkräftig zu wirken. „Nowy Nurt“ /“Neue Strömung“/ war die Schrift, diejenige in der Voraussetzung eine Schrift der jungen talentierten Leute sein sollte. Ich bin in dieser Schrift ab der ersten Nummer gewesen. Die Schrift ist jede zwei Wochen erschienen, was für eine literarische Schrift eine Ausnahme gewesen ist. Leider habe ich nach einigen Jahren bei der Lektüre von „Nowy Nurt“ festgestellt, dass nicht unbedingt alle von den publizierten Texten gut gewesen wären. Aber selbst die Idee war wichtig, der riesige Enthusiasmus und die Begeisterung der Leute, die diese Schrift zusammen gegründet haben. Leider ist die Schrift so plötzlich verschwunden, so wie sie schnell erschienen ist. Ich denke, es wäre keine richtige Zeit, um darüber zu sprechen oder über diese Wende seine Meinung zu präsentieren. Es müsse noch etwas Zeit vergehen, damit man eine gewisse gesunde Zeitdistanz in Verbindung mit allen diesen Angelegenheiten erreichen könnte, die sich in den 90-er Jahren abgespielt haben. Für mich sind die 90-er Jahre ein bisschen mythisch. Die Begeisterung für die Freiheit, der Protest gegen die bestehende Wirklichkeit, der Protest gegen das Tabu und gegen die erstarrten Werte, die Gründung der Schriften wie „Dykcja“ /“Ausdrucksweise“/, „Rita Baum“ in Breslau oder „Studium“ in Krakau, bunte, manchmal verrückte poetische Auseinandersetzungen, zahlreiche Anzahl der jungen Poeten, eine Art der Breslauer oder der Krakauer Boheme, eine Art des künstlerischen Wettbewerbs, die Verkleidung in die exzentrischen Klamotten, ein auffallendes Make-up und die bunten Perücken und endlich eine zahlreiche Anzahl der poetischen Abende, während deren ich habgierig meine Gedichte bei der Begleitung der schrillen Töne ausgerufen habe und die zahlreichen Reisen durch Europa. So waren es halt diese 90-er Jahre. Ich habe übrigens ein Gedicht über diese Zeiten geschrieben. Und ich glaube, ich werde nicht ein Mal zu ihnen zurückkehren. Das sind doch die Jahre meiner Jugend gewesen!
Wenn schon nach den Umwandlungen das Wort frei geworden ist, bestünde das Bedürfnis eines Protests der Poeten deiner Generation und wenn ja dann wogegen?
Ich glaube, dass das poetische Wort ungeachtet der Winde der Geschichte frei sei. Vielleicht deswegen hat es die despotische Behörde so beunruhigt. In dem poetischen Wort hat sich irgendwelche Gefahr versteckt, dass man das, was geistig, wichtig und unsterblich war, zu schmuggeln versuchte. Das, was unbegreiflich war. Vielleicht deswegen haben die Poeten Probleme gehabt. Wie zum Beispiel Brodski, der für seine Poesie zu einem viel zu langen „Stipendium“ nach Sibirien hingeschickt wurde. Bekannt ist sein berühmter Satz, der er während des Prozesses gesagt haben sollte, die Poesie würde vom Gott stammen. Diese Göttlichkeit der Poesie hat beunruhigt und gereizt. Aber ungeachtet der Umstände der Geschichte sind die groβen Poeten dem treu geblieben, was im Wort groβ und unwiederholbar gewesen ist. Das Wort ist eine magische Sache. Das Wort kann heilen, aber es kann auch verletzen.
Ortega y Gasset hat es schön ausgedrückt, dass die Fähigkeit der Bildung der Metaphern das Ding sei, was der Gott im Körper des Menschen vergessen haben sollte. Und der Protest ist die Sache der Jugend und auf dieser Etappe ist es etwas ganz Natürliches und sogar etwas Notwendiges. Aber in irgendwelchem Moment ist man diesem Protest entwachsen und es kommt die Zeit für eine redliche Wortarbeit. Es kommt die Zeit für das Nachdenken. Aber wirklich hat man nach dem Jahr 1989 in der jungen polnischen Literatur eine Art des Protests gemerkt. Der Protest gegen die hohe Ausdrucksweise, gegen die Sprache, gegen die Werte, gegen die Schönheit.
Worauf beruht die Autobiographie deiner Generation?
Der Exhibitionismus in der heutigen Kunst ist überall anwesend und sehr modern. Der Künstler entblöβt sich selbst und sogar verdient dabei sehr gut. Es ist insbesondere in den plastischen Künsten zu sehen, wo die Künstler selbst die Modelle sind. In der Literatur soll der Exibitionismus den Werken die Pikanterie verleihen. Persönlich mochte ich mit meiner Lebensbeschreibung spielen und sogar mit der Intimität. Die Operation mit der Biographie gibt ein groβes Manöverfeld, erlaubt verschiedene poetische Tricks zu verwenden. Ich denke, dass die Biographie und besonders die Kindheit ein wesentliches Element der Schöpfung seien. Man kann doch nicht von sich selbst weglaufen! Unser Leben statuiert ein Brandmal auf der Schöpfung. Und die Kindheit ist wie ein unvergeβlicher Garten, der die Metaphern verschenken tut.
Immer noch habe ich in meinen Gedanken den Garten meiner Groβeltern, der geheimnisvoll und bezaubernd war, wo ich zur Poetin wurde. Wer weiβ, vielleicht wenn es diesen Garten nicht gegeben hätte, würde ich mich mit ganz anderen Sachen beschäftigen müssen.
Der Garten, wo ich meine ersten poetischen Entdeckungen gemacht habe, indem ich mit den Bäumen gesprochen habe.
Dort, wo ich den Feen und den Zauberern begegnet bin. Ich befürchte es nicht, dass meine Biographie irgendwelches Brandmal auf meinen Gedichten eingeprägt hätte. Dank dessen sind sie nicht aus Papier, sondern erlebt und ehrlich.
Das Schreiben ist doch in seiner Voraussetzung eine Art der Entblöβung. Das Schreiben bedeutet, das mit dem Leser zu teilen, was in uns am besten und am wichtigsten ist. Die Frage ist nur, an welcher Stelle sollte eine Grenze festgesetzt werden. Eine Grenze, über der nur noch das Schweigen ist.
Wie ist die Haltung des Poeten deiner Generation zu der Welt? Passiv oder aktiv?
Es ist mir schwer für die ganze Generation die Meinung zu äuβern, desto mehr, dass ich zu ihr nicht geistig, sondern matrikelmäβig gehöre. Ich glaube, dass ihre Haltung der Welt gegenüber arrogant und ironisch sei.
Die Brouillons scheinen die wichtigen Sachen zu bagatellisieren, was mir irgendwie nicht zusagt. Ich mag keine Bagatellisierung in der Kunst, ich behandle die Kunst sehr seriös. In einem meiner Poeme aus „Geschrieben auf dem Sand“ habe ich geschrieben, dass wenn etwas übrigbleibt, werden es nur diese Worte sein, verlegt für das Spiel, für das Spiel, das ernster als die Welt ist. Die Welt kann man auf viele Weise erleben. Mir stehen zwei Haltungen nahe: eine Konfliktrelation und eine Harmonierelation. Der Konflikt ist manchmal unentbehrlich bei der Schöpfung. So wie mache Gedichte nur in der Harmonie mit der Welt entstehen können. Ich denke, dass der Umschlag meines Buches „Imperium der Tränen“. Also das Foto, das sich auf diesem Umschlag befindet, habe ich auf meinem ersten Bändchen „Das Hasardspiel“ angebracht.
Nur noch, dass im „Hasardspiel“ das Foto in zwei Teile zerrissen war und das dass auf dem „Imperium der Tränen“ im Ganzen ist, besagt, dass jene Zerrissenheit, jener Konflikt, jener Protest, keine Abfindung zu einer Einheit wurden, zu etwas Harmonischem. Diese Umschläge bedeuten für mich etwas Symbolisches. Sie wiederspiegeln meine zwei völlig entgegengesetzte verschiedene geistige Haltungen der Welt gegenüber. Ich erlebe die Welt sehr intensiv, es verbindet sich mit meiner groβen Überempfindlichkeit. Man soll lernen die Welt kosten. Aufpassen können. Die Vorsicht, die eine gefühlvolle Erfassung der Welt ermöglicht. Sie macht sensibel darauf, was uns die Welt zu sagen versucht. Denn die Welt redet zu uns, man muss nur es hören lernen. Man soll darauf hören, was uns die Welt anzubieten hat. „Die Musik der Dinge“, von der Rilke geschrieben hat, verstummt nicht, man soll nur lauschen. Und dann erweist es sich, dass auch dann, wenn wir einsam sind, sind wir nicht allein, dass manche Gedichte wie ein Gespräch mit der Welt wären.
Wie ist deine Beziehung zu dem Dekonstruktionismus? In welchem Grad verwendest du es?
Ich denke, dass meine Auffassung der Sprache, des Textes als einer nicht abgeschlossenen Sache, geöffnet auf irgendwelche Weise, in die Voraussetzungen des Dekonstruktionismus eingeschrieben sei. Ich glaube, dass es keinen geschlossenen Text gäbe. Es ist nämlich nicht möglich die Vollkommenheit etwas Abgeschlossenen zu erreichen. Jeder Text ist nur eine Probe, ein Anfang, eine Fortsetzung, eine Zugabe in Bezug auf ein weiteres Suchen eines idealen Textes. Die Leute, die den Konstruktionismus negieren, lehnen die gebräuchlichen Schemas ab, was im Einklang damit ist, was ich auch annehme. Ich glaube, dass wir wegen dieser gebräuchlichen Schemas die Freiheit verloren haben und auch die wichtigen Sachen haben ihre Urbedeutung verloren. Die Poesie wäre wie ein Träger nicht nur der Freiheit, sondern sie hätte die Aufgabe, vor dem Leser die neuen Werte entdecken zu können. Die Werte, die sich in der Empfindlichkeit des Schreibenden wiederspiegeln.
Die Poesie wäre gewissermaβen wie ein Vermittler zwischen dem, was menschlich und übermenschlich sei, zwischen dem, was die Diesseitigkeit betrifft und was als transzendental erscheint.
Wie ist deine Meinung, diejenige die Sprache deiner Generation betrifft? Kommt sie damit zurecht, d.h. inwieweit kann sie die heutige Welt ausdrücken? Denn das Hauptproblem der heutigen Philosophie ist das Problem der Sprache und ihrer Möglichkeiten.
Wittgenstein hat in seiner „Abhandlung“ gesagt, dass „die Grenzen meiner Sprache die Grenzen meiner Welt bezeichnen“. Wittgenstein hatte viel Recht, aber die Sprache hat leider irgendwelche Grenzen und wir sind nicht imstande sie zu überschreiten. Ab und zu empfinde ich die Ratlosigkeit der Sprache gegenüber den etlichen Themen. Es gibt welche Dinge, die sich auf das metaphysische Empfinden beziehen, über die es schwer ist, zu schreiben. Es gibt manche Dinge, die sich überhaupt nicht in eine Sprache übersetzen lassen, sogar in die Sprache der Poesie. Vielleicht ist deswegen Haiku zum Medium der aufgeklärten buddhistischen Mönche geworden. Haiku samt seiner kurzen sogar asketischen Form. Keine andere Form würde imstande sein, den Zustand, den diese buddhistischen Mönche empfunden haben, zu übermitteln. Ich denke jedoch, dass sich die Poesie nicht nur auf die Sprache stützt, sondern auch auf eine auβersprachliche Übertragung: eine emotionelle und eine geistige. Wichtig ist auch das, was zwischen den Versen klingt. Die Poesie ist eine sehr geheimnisvolle Sache, sie richtet sich nach den nur ihr bekannten Sinnen.
Ich befürchte, dass meine Generation nicht so gut mit dem Ausdruck der heutigen Welt zustande gekommen ist. Das Problem beruht darauf, dass die Poesie meiner Altersgenossen, vergafft in die Poesie der Schule von New York, als Muster jene Texte genommen hat, wodurch sie als ob sie die Epigonen dieser Schule geworden wären. Sie haben keine eigene Sprache geschaffen. Frank O`Hara, John Ashbery waren und sind Poeten, die auf eine sehr suggestive Art und Weise einen Einfluβ auf das poetische Bewuβtsein meiner Generation gehabt haben. Es handelt sich hier um eine merkwürdige Übertragung der amerikanischen Ästhetik in die polnische Weise des Denkens. Diese Erscheinung hat nicht nur meine Zweifel erweckt und irgendwelchen inneren Protest, aber sie hat mich auch irgendwie gewundert. Es ist eine ungewöhnliche Erscheinung, die sich auf die Einimpfung der amerikanischen Poesie in die polnische Wirklichkeit bezieht. Ob es authentisch wäre, Mal sehen, die Zeit würde es beweisen.
Welches Thema beherrscht deine Poesie? Was für einen Platz nehmen in ihr die Stadt und die städtebaulichen Requisiten ein?
Natürlich, die Liebe (das Lachen). Ich schwärme dafür Liebesgedichte zu schreiben. Ich bin mir der Schwierigkeiten bewusst, weil es schon so viel über dieses Thema geschrieben wurde und das sogar auf eine vorzügliche Art und Weise. Und im Ernsten – in der Poesie suche ich nach einem Du. Du – als ein Freund, ein Liebhaber, ein Lehrer, ein Bruder bis das metaphysische Du. Dieses lyrische Du hat mir viel Zeit in Anspruch genommen. Das ganze Bändchen „Geschrieben auf dem Sand“ stütze ich eben auf dieses Du. „Du“ bist eben die eigenartige Veränderlichkeit von Mir in Dich und Dir in Mich. Die Identifizierung. Die Spiegelung, die nicht abschlieβt, sondern eröffnet neue Räume. Die Stadt dagegen hat mich in der Jugendzeit fasziniert. Und damals ist sie oft in meinen Gedichten zum Vorschein gekommen. Es war eine Stadt, die auf einer geöffneten Fläche gefesselt hält. Die Stadt, die unsere Zugehörigkeit der Naturwelt degradiert. Aber auch eine Stadt – Labyrinth, in der wir uns verlieren, um den Geschmack eines Abenteuers zu finden. Eines Tages nach einem poetischen Abend in Krakau ist zu mir ein obdachloser Clown gekommen und hat zu mir gesagt, dass ihm meine Gedichte als die Gedichte eines Obdachlosen erscheinen, weil sich die Handlung meiner Gedichte nur auf der Straβe abspielt. Es ist etwas darin. Ich glaube auch, dass das was man schreibt, im groβen Ausmaβ von dem Ort abhängig ist, in dem wir wohnen. Breslau hat mich zum Protest provoziert und eben solche Gedichte sind ja entstanden. In Krakau herrscht irgendwelche Ruhe, was sich in meinen neuesten Gedichten wiedergespiegelt hat.
Zu meinen Studenten, mit denen ich den poetischen Werkunterricht habe, wiederhole ich, das Schreiben sei die Sache des Geistes, des Herzens und des Eingeweides. Wenn man nur mit dem Geist schreibt, dann sind die Gedichte viel zu intellektuell, wenn man nur mit dem Herzen schreibt, dann sind die Gedichte zu banal, wenn man nur mit dem Eingeweide schreibt, dann wird die Poesie vulgär. Deswegen ist die Harmonie zwischen diesen drei Elementen so wichtig. Eine entsprechende Ausgleichung der Gedanken, des Lyrismus und der Emotionen. Zurückkehrend auf die Themen. Jedes meiner Bändchen ist anders. Es bewegt sich wie in einer anderen Poetik, greift nach den anderen Themen. Dank dieser Mannigfaltigkeit versuche ich das zu meiden, Dichter eines Motivs zu sein. Da ich der Meinung bin, dass man das ganze Leben lang nicht nur eine Saite anschlagen kann, weil man nicht weiβ, ob diese Saite gut genug gestimmt ist.
Mich interessiert im Schreiben nicht der literarische Charakter, sondern eine künstlerische Vollendung.
Da du dich mit der Musik und mit der Philosophie beschäftigst, auf welche Art und Weise drückst du es in deiner Poesie aus?
Die Musik war die Flucht vor der Welt, das Studium der Philosophie, denn ich irgendwo die Jahrhundertwende abwarten wollte, die Poesie ist ein Mittel gegen die Arbeitslosigkeit. Und ernst gesagt, sind die Musik, die Philosophie, die Poesie die Fürsprecherinnen Eines und Desselben und nämlich ein Versuch des Gelangens zur Metaphysik. Sie ergänzen einander und erklären sich gegenseitig.
Die Romantiker haben festgestellt, dass dort, wo die Poesie endet, fängt die Musik an.
Bei mir ist etwas ganz anderes geschehen, in einem Moment habe ich gespürt, dass ich mehr durch mein Schreiben als durch die Musik ausdrücken könnte. Und so hat mein Abenteuer mit dem Schreiben begonnen. Aber die Musik ist immerhin in meinen Gedichten anwesend, die sich oft auf einen Rhythmus, auf irgendwelche Phrase stützen. Manche Gedichte sind sehr musikalisch. Manchmal wenn ich schreibe, höre ich den Text wie die Musik wie eine musische Phrase. Die Poesie richtet sich sowieso nach den ähnlichen Mitteln, wie die Musik, sie hat ähnliche Spannungen, Piano, Forte, Crescendi, Fermaten, usw. Die Lyrik entstammt doch der Musik! Jedes Gedicht ist ein so kleines Musikstück. Und weitergehend, sind die Musik oder die Poesie für mich kein Mittel, das die Geheimnisse unseres Daseins und die Geheimnis der Welt zu verstehen versuchen. Ein Mittel zum Erreichen der Geistigkeit. Und was interessant ist, dient die Philosophie nicht nur den groβen Themen, sondern sie kann im alltäglichen Leben behilflich sein, was ich nicht ein Mal erfahren habe.
Es scheint mir, dass dir die europäische Poesie näher als die polnische ist, hängt das von deinen Interessen und vom Wertsinn ab?
Mit der Poesie habe ich die Verbindung von Kindheit an gehabt. Ich kann mich an die nächtlichen Rezitationen meiner Mutter erinnern. Sie hat mir viele Gedichte deklamiert, von denen ein Teil die europäische Poesie gewesen sind. Vielleicht deswegen kommt dieses Angehören mehr zur europäischen Tradition als zu der polnischen hervor. Ich wurde einfach mit solcher Literatur erzogen. Obwohl als Kind haben mich „Die Balladen und die Romanzen“ von Mickiewicz fasziniert, die ich auswendig gekannt habe. Im Lyzeum war ich von der polnischen Romantik begeistert: Mickiewicz, Słowacki, Norwid und Krasiński. Die ganzen Stücke habe ich auswendig gelernt!
Aber gleichzeitig habe ich mich in den Dramen der Absurdität vertieft, die meine junge Vorstellungskraft angekurbelt haben. Ich habe Witkiewicz und Gombrowicz bewundert. Damals hat man die Bücher von Gombrowicz als die Bücher aus dem zweiten Umlauf gelesen. Im Lyzeum habe ich Baudlaire, Verlain, Rimbaud entdeckt, in der Nacht war ich im Lesen ihrer Bücher tief versunken. Danach sind Eliot, Rilke und Brodski gekommen. Es sind die Poeten, die für mich zu den Meistern geworden sind. Eliot dank dem einkalkulierten Intellektualismus, Rilke dank der Geistigkeit und sogar einer Art der Engelhaftigkeit, Brodski dank der Authentizität der Erlebnisse und der Verzweiflung im Herzen. Bis jetzt sind es meine treuersten Vertrauten beim Schreiben. Meine solche letzte grosse Entdeckung ist die Poesie von Saint-John Perse. Hilda Domin und Nelly Sachs sind mir auch nahestehend. Es ist mir schwer über alle Faszinationen und alle Lektüre zu sprechen, da es eine ganze Menge von ihnen gewesen ist. Und im allgemeinen bin ich ein nicht belesener Wilde, ein unberechenbarer Schamane des Wortes, der irgendwo am Ende der Welt wohnt.
Submitted by admin on 1. July 2008 - 13:01.
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